Herr Kohl, Sie sind Unternehmer, Coach und Autor in et- was ungewöhnlicher Kombination. Ihr Unternehmen ist in der Automobilzulieferer-Branche tätig, in Ihren Vor- trägen aber gehen Sie leidenschaftlich auf Sinnfindung und Lebensfreude ein. Wie ist es dazu gekommen, dass Ihnen dieses Thema so wichtig geworden ist?
Auch Unternehmer und Automobilzulieferer sind Menschen (lacht). Gerade weil ich mitten in einer wettbewerbsgeprägten Lebensrealität stehe, weiß ich, wie schwierig es ist, eine gesunde Balance zwischen den einzelnen Lebensbereichen zu finden.

Menschen streben nach mehr Lebensfreude, nach Glück und Erfolg, nur ist diese Suche leider oft sehr schwierig und voller Irrungen. Lange Jahre war ich selbst auf der Suche, habe mich in unnötigen und vor allem un- lösbaren „Warum“ Fragen verheddert. Niederlagen, Rückschläge und vor allem gefühlte Ungerechtigkeiten habe ich früher persönlich genommen und sie stark als Angriff auf mein Selbstwertgefühl verstanden. Irgend- wann erkannte ich, dass ich mir selbst durch gewisse alte Glaubenssätze und meine alte, oft unnötig aggressive Mentalität selbst schade – und dann machte ich mich auf die Suche nach neuen Antworten.

Zu meiner Überraschung musste ich gar nicht lange suchen. Neue Ant- worten, bessere Wege lagen quasi vor mir – nur hatte ich sie einfach nicht gesehen. Besonders zwei Themen stachen dabei heraus: Sinn und Lebensfreude, letzteres vor allem in Verbindung mit Versöhnung, insbesondere einseitiger Versöhnung. Sinn definiere ich für mich nach den Gedanken von Viktor Frankl und seiner Logotherapie. Sinn ist situ- ativ und mit unserer jeweiligen Rolle verknüpft. Er ist unsere Antwort auf die konkreten Fragen, die das Leben uns stellt. Nicht wir sind die Fragenden, sondern das Leben befragt uns. Dieser Gedanke hat mich tief bewegt und mir persönlich eine grundsätzliche Neuausrichtung ermöglicht. Wichtig war für mich die Erkenntnis, dass Sinn nie egois- tisch sein oder narzisstischen Bedürfnissen frönen darf. Im Gegenteil, er muss immer lebensbejahend und friedensfördernd sein. Mit der Zeit habe ich dann diese Themen immer tiefer für mich erarbeitet, konnte alten Ballast abwerfen und viel neue Kraft für mich finden.

Als ich dann 2011 mein erstes Buch „Leben oder gelebt werden“ veröf- fentlichte, dachte ich zunächst, dass eine solche Veröffentlichung ein einmaliges Ereignis in meinem Leben bleiben würde, zumal viel Skepsis seitens des Verlages geäußert wurde. Das Gegenteil trat ein und mein erstes Buch wurde ein Bestseller. Erst dann, also im Laufe des Jahres 2011, begriff ich, dass ich etwas Relevantes zu diesen Themen beitra- gen kann. Mir hatte schlicht zuvor der Mut gefehlt, doch die vielen po- sitiven Rückmeldungen und die Bitte vieler Menschen um Seminare, Vorträge und Coachings, verdeutlichte mir, dass ich hier auch einen Auftrag habe. Und so entwickelte sich völlig ungeplant ein neues Auf- gabengebiet, das mir heute sehr viel Freude macht, bei dem ich Men- schen helfen kann und etwas zu mehr persönlichen Frieden in dieser Welt beitragen kann. Was Schöneres kann es denn geben?

Was gibt Ihnen persönlich die Kraft, die Sie für Ihre Vor- haben schöpfen? Was treibt Sie an?
Mein Motto lautet: Mehr Frieden durch mehr persönliche Souveränität. Ich will Menschen auf ihrem Weg zu mehr innerem Frieden mit ihrer Biographie und Sinn für ihre Zukunft so unterstützen, dass Wirksamkeit und Authentizität in der Gegenwart entstehen. Diese Aufgabe ist mein Sinn. Und die Rückmeldungen aus meinen Seminaren, aus Veranstal- tungen und im Coaching zeigen mir, auf welch fruchtbaren Boden die- ses Motto fällt. Aus dieser Bestätigung schöpfe ich viel Kraft. Ich glaube es gilt für alle Menschen, dass wenn wir in unserem Sinn arbeiten und leben, dass wir dann stark, fröhlich und ausdauernd werden.

Vielen rauben schmerzhafte Erfahrungen, Traumata oder ähnliches die Kräfte. Wie schließt man Frieden mit seinen seelischen Wunden und geht gestärkt aus ihnen hervor?
Auch ich kenne Situationen, in denen das Leben einem förmlich den Boden unter den Füssen wegreißt, in dem wir uns völlig überfordert fühlen. Für solche Fälle habe ich mir eine persönliche Methode zurecht- gelegt. Der erste Schritt lautet: Lasse deine Gefühle zu, sei ehrlich zu dir selbst. Gebe zu: Ja, es tut weh. Ja, ich bin voller Wut, Zorn, Enttäu- schung oder ich fühle mich hintergangen, ausgenutzt, belogen oder betrogen. Es ist wichtig, sich ehrlich zu begegnen und solche Gefühle gehören dazu. Allerdings warne ich davor, diese Gefühle zu einem Dau- erzustand werden zu lassen. Trauer, Wut, Zorn dürfen nicht auf Dauer die Lufthoheit über unsere Seele erlangen.

Um dieses zu vermeiden, kommt der zweite Schritt: die Unterscheidung von WAS und WIE. WAS ist passiert? Diese Frage gilt es so objektiv, neutral und emotionsfrei wie möglich zu beantworten. Beispiel: X hat mich belo- gen. Oder Y hat mich bestohlen. Jetzt gilt es zu erkennen, dass WAS pas- siert ist, nicht mehr geändert werden kann, dass alle weitere Empörung etc. uns nur ins Opferland führt, dass wir uns so zu Gefangenen machen. Es gilt, die Realität als Faktum, als „Was ist passiert“ anzuerkennen, auch wenn es schmerzt. Anerkennen heißt nicht gutheißen, es heißt einfach zu akzeptieren, dass die Realität nun einmal so ist wie sie ist. Durch die Akzeptanz der Realität erreichen wir inneren Abstand und neue Freiheit, die wir dann für neue Lösungen, für neue Antworten nutzen können. Ich nenne dies die „Chance des WIE“. WIE gehen wir mit der jeweiligen Situation um? „Jede Zeit hat ihre eigenen Antworten“ lautet mein Ansatz für solche Situationen, der auf der Akzeptanz von Realitäten, allerdings ohne Unterwerfung, zu einer inneren Neuausrich- tung führt. In unserem neuen WIE, in unserem neuen Umgang mit dem Erlebten liegen dann sowohl Lösung der Situation als auch neuer inne- rer Frieden und Freiheit.

Fällt es vielen Menschen schwer, zu den eigenen Kraft- quellen vorzustoßen? Welche Dinge sind es, die einen meist zurückhalten?
Unsicherheiten, Ängste, sich zu blamieren, Gefühle, nicht gut genug zu sein, oder schlicht ein „das habe ich ja noch nie so gemacht“ sind typische Bremsen. Meist tritt große Erleichterung ein, wenn der oder die Betroffene feststellt, dass es ganz vielen anderen Menschen ähnlich geht, dass man kein „hoffnungsloser Fall“ ist. Letztlich braucht es drei Dinge zum inneren Aufbruch: Genügend Leidensdruck, den Willen, die eigene Komfortzone zu verlassen und eine vertrauenswürdige Hand, die einem bei den ersten Schritten hilft.

Führt man auch besser, wenn man mit sich selbst im Reinen ist?
Absolut. Die Menschen um uns, egal ob Mitarbeiter, eigene Kinder oder Freunde, haben ein sehr feines Gespür, ob jemand echt, also authentisch, ist oder eine Show macht. Autorität kommt von Authentizität und somit von Innen, aus der eigenen Persönlichkeit. Nur wer mit sich selbst klar ist, kann auch klar führen.

Wie viel Ihrer eigenen Biographie lassen Sie mit in Ihre Coachings einfließen? Wo denken Sie, können Ihre Er- fahrungen gezielt helfen?
In meinem Leben habe ich einige Krisen und Brüche erlebt. Diese Erfahrungen teile ich gerne, auch um zu zeigen, dass ich aus der Praxis heraus coache. Allerdings muss ein Coach vorsichtig sein im Umgang mit der eigenen Biographie, denn es geht immer zuerst um den Coachee und nicht um den Coach.

Worauf legen Sie bei Ihren Coachings Wert? Gibt es Wer- te oder Fähigkeiten, die Sie als besonders essentiell für ein glückliches und erfolgreiches Leben schätzen und daher gezielt stärken möchten?
Zunächst prüfen der potentielle Coachee und ich, ob wir zusammenpassen, ob wir ein klares Ziel, ein präzises Anliegen vereinbaren können und ob ich der geeignete Coach für diese Person und ihr Anliegen bin. Wenn diese drei Fragen mit Ja beantwortet sind, dann beginnt die konkrete Arbeit.

Für mich selbst ist Zuhören mit Herz und Verstand sehr wichtig. Menschen kommen mit ihren Anliegen und ich helfe zunächst eine Bühne zu bauen, auf der genügend Platz für alle Puzzlesteine ist, die mit der Situation zu tun haben. Wichtige Werte sind für mich Geduld, Wertungsfreiheit, Humor und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, also der Wille, eine Situation auch aus ganz anderen Blickwinkeln zu betrachten und anzunehmen.

Andere wichtige Werte umfassen die Stärkung eines gesunden Selbstbe-wusstseins. Ich schreibe es dann so: Selbst-Bewusst-Sein. Wie bewusst bin ich meiner Selbst, meinen Bedürfnissen, aber auch meiner Schwächen, Ängste und Stärken sowie meiner Erfolge.

ch denke, dass Werte wie Dankbarkeit für das was man hat (und dabei leider oft für allzu selbstverständlich nimmt), Demut im Sinne von Mut ohne Über-heblichkeit oder Anmaßung, Leidenschaft, Ausdauer, Sinn und innerer Friede mit der eigenen Biographie uns Brücken für ein glücklicheres und erfüllteres Leben bauen können.