Wie können wir Stress als Leistungsbooster nutzen?

Haben Sie Stress? Prima! Haben Sie überdurchschnittlich viel Stress? Herzlichen Glückwunsch! Sie haben laut einer aktuellen Studie damit die Chance auf ein langes Leben!

Wissenschaftler der Stanford Universität haben in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass Menschen mit überdurchschnittlich viel Stress unter bestimmten Bedingungen eine niedrigere Sterblichkeit haben als Leute mit wenig oder keinem Stress. Dies galt allerdings nur für die Personen mit überdurchschnittlich viel Stress, die überzeugt waren, dass dieser Stress ihnen nicht schadet. Hatten sie dagegen die Überzeugung, dass der Stress ihnen schadet, wirkte sich dies tatsächlich negativ auf ihre Sterblichkeitsrate aus.

Was führt zu, dass Stress einige Menschen beflügelt, vorantreibt und erfolgreich macht und andere hingegen ausgelaugt, überfordert und im schlimmsten Fall gesundheitlich beeinträchtigt? Die Gleichung viel Arbeit ist viel Stress und wenig Arbeit ist wenig Stress geht keinesfalls auf. Es wäre auch zu einfach zu sagen: „Verändere einfach deine Einstellung zum Stress und der Rest ergibt sich schon von allein“. Das ist, als ob Sie zu einer ausgepressten Zitrone sagen: „Fühlst du dich trocken? Stellt dich doch nicht so an!“

Die Frage, ab wann die beruflichen -und privaten- Anforderungen auf uns eine negative Auswirkungen haben, uns also „stressen“, ist nicht allgemein zu beantworten. Das persönliche Stressempfinden ist ein höchst subjektives Gefühl und hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Die Menge und auch die Dauer der Arbeit sind dabei nicht zwingend die wichtigsten Kriterien.

In meiner Tätigkeit als Arbeitsmedizinern habe ich in den letzten 20 Jahren Einblicke in Betriebe vom Kleinstunternehmen bis zu Großkonzernen erlangt. Meine Erfahrungen spiegeln, was auch die aktuellen wissenschaftlichen Kenntnissen zeigen: Die Problemfelder bei arbeitsbedingtem Stress, wissenschaftlich als „psychomentale Belastungen“ bezeichnet, sind nahezu unabhängig von der Branche, in der die Menschen tätig sind. Das ist gleichzeitig  auch die gute Nachricht: Es gibt branchenübergreifende Lösungsansätze zu einem gesunden Umgang mit Stress. Dieser gesunde Umgang mit Stress ist durchaus lernbar und umsetzbar.

Im Wesentlichen beeinflussen acht Faktoren, ob wir uns durch eine Arbeit gestresst

und überfordert oder beflügelt und erfüllt fühlen. Diese sind:

  • Arbeitsaufgabe
  • Arbeitsorganisation
  • Führungsverhalten
  • Gratifikation/Wertschätzung
  • Soziale Beziehungen
  • Arbeitsumgebung
  • Individuelle Voraussetzungen
  • Situation

Das bedeutet, wir haben acht Stellschrauben, an denen wir ansetzen können um mit unseren täglichen Anforderungen besser zu Recht zu kommen und unser persönliches Stressempfinden deutlich zu verbessern. Entschleunigung alleine kann nicht das Allheilmittel sein.

Stress an sich ist ein durchaus physiologischer Zustand, der uns hilft über die Anfangshürde des Zögerns hinwegzukommen um Aufgaben anzupacken. Im Stresszustand stellt der Körper kurzzeitig hohe Energiereserven frei für Leistungen. Wir Menschen brauchen ein gewisses Maß an Stress um leistungsfähig und gesund zu bleiben. Stress kann so durchaus als Leistungsbooster verstanden werden.

Ich werde oft gefragt: „Wie viel Stress ist zu viel Stress? Ab wann kippt dieser Eu-Stress in den Dis-Stress und fängt an, mir zu schaden?“ Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, da es mit dem oben beschriebenen individuellen Stressempfinden zusammenhängt. Das erklärt auch, warum z. B. in einer Abteilung drei Mitarbeiter sich trotz  gleicher Qualifikation bei derselben Aufgabe völlig unterschiedlich belastet fühlen können. Während der eine total gelangweilt ist, ist der andere im Flow, der dritte dagegen fühlt sich überfordert und ausgelaugt. Wichtig ist zu erkennen, wann mein eigenes Stressempfinden ins Negative umschlägt und dieser förderliche kurzzeitige Stress in ein negatives Gefühl der Dauerüberlastung umschlägt. Erste körperliche Symptome sind meistens Schlafstörungen und Verspannungen, oft tritt ein sozialer Rückzug auf. Man geht nicht mehr zu den Kaffeepausen, verpasst familiäre Termine, Geburtstagseinladungen und igelt sich ein.

Eine der Voraussetzungen für einen gesunden Umgang mit Stress ist eine gewisse zeitliche Begrenzung, auch in Spitzenbelastungszeiten. Wir brauchen Pausen und Erholungszeiten um unser Stress- und Hormonlevel wieder auf einen gesundheitlich förderlichen Zustand zu senken. Gemeint ist nicht nur ein Abschalten im Rahmen von freien Tagen beziehungsweise Urlauben sondern auch das Einbauen von Pausen in den Arbeitstag.

Besonders in Kursen mit Managern kommt dann das Argument: „Für Pausen habe ich keine Zeit!“ Leistungsmäßig und arbeitsmedizinisch betrachtet ist das blanker Unsinn. Im Laufe eines Arbeitstages ohne Pausen fällt unsere Effektivität deutlich ab. Diesen Leistungsabfall können Sie nur aufhalten- beziehungsweise minimieren- indem Sie Pausen einplanen und lernen, gehirngerecht zu arbeiten.

Effektive Pausen steigern nicht nur Ihre gesamte Tagesleistung sondern bringen auch einen Booster für Ihre Kreativität. Sinnvollerweise sollten Sie alle zwei Stunden zumindest eine 5-minütige Kurzpause machen. Sie kennen das, bei endlosen Besprechungen werden die Entscheidungen nicht automatisch besser mit der Länge der Sitzung. Versuchen Sie es, unterbrechen Sie die Sitzung nach 2 Stunden für fünf Minuten, lüften Sie durch, lassen Sie die Teilnehmer zum Kaffeeautomaten gehen und setzen Sie sie anschließend am besten auf einen anderen Platz. Sie werden sehen, die Ergebnisse werden deutlich besser.

Spätestens nach 6 Stunden sollten sie eine Pause von einer halben Stunde einplanen, davon mindestens 15 Minuten ungestört. Sie können die Effektivität ihrer Pause hierbei nachgewiesenermaßen steigern, wenn Sie sich in Ihrer Pause bewegen, idealer Weise noch dazu in freier Natur. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben gezeigt, dass hierdurch die Kreativität eindeutig ansteigt.

Ihre Leistungsfähigkeit können Sie auch durch gehirngerechtes Arbeiten deutlich steigern. Falls Sie morgens als erste Tätigkeit Ihren PC hochfahren und Ihre E-Mails checken, haben Sie bereits nach 2 Stunden Postfach-Bearbeitung einen großen Teil Ihrer Effektivität und Entscheidungs-Kapazität verbraucht. Das hängt mit der Struktur unseres Gehirns zusammen.

Entscheidungen und Priorisierungen werden im so genannten präfrontalen Kortex, einem sehr kleinen Areal unseres Gehirns getroffen. Leider ist dieser entwicklungsgeschichtlich ziemlich neue Bereich rasch ermüdbar. Routinetätigkeiten werden von anderen Bereichen des Gehirns übernommen, den so genannten Basalganglien. Diese sind nicht so rasch ermüdbar. Deshalb ist eine leicht durchführbare Maßnahme zur Effektivitätssteigerung der bewusste Wechsel zwischen Tätigkeiten mit Priorisierung bzw. Entscheidungen und Routinetätigkeiten. Hierdurch werden verschiedene Hirnareale beansprucht und die Ermüdung erfolgt langsamer. Es gibt viele weitere Techniken und Tricks, wie Sie bei gleicher Arbeitsmenge die Effektivität Ihrer Gehirnleistung optimal ausnutzen können. In meinen Seminaren und Vorträgen biete ich meinen Zuhörern hierzu Handlungshilfen.

Ein zentraler Punkt für das subjektive Stressempfinden ist auch der Führungsstil. Eng verbunden hiermit ist das Thema der Gratifikation/Wertschätzung. In vielen Studien ist belegt, dass sich der Führungsstil direkt auf die Gesundheit sowie die Arbeitseffektivität der Mitarbeiter auswirkt. Die neuen Erhebungen im Stressreport Deutschland zeigen deutlich, dass der Führungsstil und körperliche Symptome der Mitarbeiter eng zusammenhängen. So haben Beschäftigte, die das Gefühl haben selten oder nie von ihren Vorgesetzten unterstützt zu werden, deutlich mehr körperlichen Beschwerden.

Dies erklärt sich unter anderem durch das Thema der Gratifikationskrisen. Gratifikation bedeutet Wertschätzung, das heißt alles wofür Menschen arbeiten. Diese vermittelte Wertschätzung setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen:

  • Finanzielle Entlohnung
  • Qualifikationsmöglichkeiten
  • Anerkennung
  • Sinn, Erfüllung
  • Einflussmöglichkeiten

Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, dass sie vielmehr einsetzen als zurückbekommen, entsteht eine Gratifikationskrise. Die Beschäftigten haben dann das Gefühl, dass ihr Engagement, ihre Qualifikation und ihre Leistung nicht genügend gewürdigt werden- es entsteht ein deutlich erhöhtes Risiko für körperliche und oder seelische Erkrankungen. Studien belegen bei Gratifikationskrisen zweifelsfrei die Zusammenhänge zwischen Depressionen, Herz-Kreislauferkrankungen, ja sogar Diabetes mellitus und dem so genannten metabolischen Syndrom.

Die Schlüsselfunktion spielt hierbei das Führungsverhalten. Eine individualisierte Führung, die von Wertschätzung, Anerkennung und Transparenz geprägt ist, trägt wesentlich zu einem  gesunden Betriebsklima bei. Auch die Führungskräfte sind in unserem Zeitalter, das von Digitalisierung und Entgrenzung- sowohl räumlich als auch zeitlich- geprägt ist, einem stetigen Wandel ausgesetzt. Sie selbst befinden sich oft im Spannungsfeld zwischen betrieblichen Anforderungen, Zeitdruck, Kundenorientierung und Mitarbeiterführung.

Zur Erhaltung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowohl der Führungskräfte als auch der Mitarbeiter sind ein gesunder Umgang mit Stress sowie die Kenntnis von Sinn und Unsinn von Gratifikationsmodellen essenziell. Infolge der allgegenwärtigen Arbeitsverdichtung und Informationsflut sind die Kenntnisse von gehirngerechter Arbeitsgestaltung von zentraler Bedeutung. Die Lösungswege aus der Stressfalle sind hierbei branchenunabhängig mit geringem Aufwand erlernbar und sofort umsetzbar.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg, genießen Sie Ihren Stress!