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Tatort Text – Wir überführen anonyme Täter

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Leo Martin im Gespräch mit Prof. Dr. Raimund Drommel und Patrick Rottler, beide Sprachprofiler am Institut für Forensische Textanalyse 

Herr Prof. Drommel, Sie haben das kriminalistische Sprachprofiling vor 30 Jahren im deutschsprachigen Raum eingeführt und seitdem ständig weiterentwickelt. Heute sind wissenschaftlicher Leiter am Institut für forensische Textanalyse. Was für Fälle landen auf Ihrem Schreibtisch? 

Raimund Drommel: „Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ja. Sprache hat immer einen persönlichen Stil. Denn Sprache ist ein hochgradig schöpferischer Prozess. Bei der Wahl jedes einzelnen Wortes, jeder Redewendung, jeder Zeitform, jeder Aktiv- oder Passivkonstruktion, bei jedem Haupt- und Nebensatz, müssen Sie Entscheidungen treffen. Ein wesentlicher Aspekt des Sprachprofilings ist, dass wir unsere gesprochene Sprache, genau wie auch geschriebene Texte, zum größten Teil unbewusst bilden. Wir folgen dabei Mustern, die tief in uns verankert sind. Diese Muster entstehen, weil unsere Sprache von Anfang an durch unser soziales und kulturelles Umfeld geprägt wird. Beispielsweise durch unsere Eltern, die Familie, Freunde, Schule, den Beruf und nicht zuletzt durch unsere ganz individuellen persönlichen Interessen. Wir haben sie so verinnerlicht, dass wir sie bewusst nicht mehr wahrnehmen. Und verstellen können Sie eben nur, was Ihnen auch wirklich bewusst ist. Deshalb sollten auch Sie besser keine Erpresserbriefe schreiben.“

Herr Rottler, erinnern Sie sich noch, an Ihren aller ersten Fall? 

Patrick Rottler: „Das war eine große Rechtsanwaltskanzlei, die von einem Hacker angegriffen wurde. Die IT-Experten konnten die Angriffe zwar abwehren, aber den Täter nicht identifizieren. Zeitgleich sind dann in einem Bewertungsportal Einträge aufgetaucht, die unseren Auftraggeber in ein schlechtes Licht rücken sollten. Aufgrund der Abkürzung „m. E.“, die für „meines Erachtens“ steht, und für Wissenschaftler und Rechtsanwälte typisch ist, lag der Verdacht nahe, dass die Angriffe von einem Mitbewerber stammen. Daraufhin haben wir die anonymen Bewertungen mit Vergleichsschriftmaterial von einigen Mitbewerbern verglichen und konnten den Verursacher schnell stellen. Er wurde dann konfrontiert und die Hacking-Attacken hatten ein Ende. Und das ist auch unser größter Einsatzbereich: Anhand von sprachlichen Mustern analysieren wir, wer als Täter in Frage kommt und wer nicht. Oft handelt es sich bei den anonymen Absendern um ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter, die ihren Frust ausleben. Für unsere Auftraggeber ist es am wichtigsten zu wissen, wer der Maulwurf ist, ohne die Staatsanwaltschaft im Haus zu haben.“

Wie funktioniert ein vergleichendes Sprachgutachten genau? 

Raimund Drommel: „Bei der Textanalyse wird nach sprachwissenschaftlichen Verfahren gearbeitet. Jedes Wort und jedes Zeichen aus dem anonymen Tatschreiben wird mit jedem Wort und jedem Zeichen aus den Vergleichstexten abgeglichen. Grundsätzlich wird dabei nach Normabweichungen vom Standard-Deutschen gesucht. Systematisch auftauchende sprachliche Fehler haben die höchste Signifikanz. Aber auch systematische Auffälligkeiten, die aus sprachwissenschaftlicher Sicht keine Fehler darstellen, können zum Täter führen. Je höher der Abweichungsgrad gegenüber dem allgemeinen Sprachgebrauch, desto höher ist die Aussagekraft. Hinzu kommen sprachpsychologische Merkmale, nach denen z.B. auch CIA und Mossad seit Jahrzehnten fahnden.“

Haben Internet und Digitalisierung die Arbeit der Sprachprofiler verändert? 

Patrick Rottler: „Der Tatort Internet beschäftigt uns rund um die Uhr. Bei sprachlichen Auseinandersetzungen im Internet werden die Grenzen zu Straftatbeständen schnell überschritten. Das mag auch daran liegen, dass viele das Web als rechtsfreien Raum betrachten. In der Illusion der perfekten Anonymität werden in Foren Mitbewerber angeschwärzt oder Chefs verleumdet. Auch viele der Erpressungsfälle, die wir bearbeiten verlagern sich ins Internet. Die Täter fordern Bitcoin um die Risiken einer Geldübergabe zu vermeiden.“

Raimund Drommel: „Die Erpressungsmuster selbst haben sich „seit Adam und Eva“ nicht geändert. Der Tätertyp hat sich lediglich der digitalen Welt angepasst. Die Währung Bitcoin ist ein wesentlicher Grund für das erneute Ansteigen der zuvor bereits deutlich zurückgegangenen Delikte im Bereich der Produkterpressungen und Lebensmittel- Gefährdungen. Aber wir sind den anonymen Tätern auch online auf der Spur. Denn wir Sprachprofiler haben einen großen Vorteil: ein Täter, der sein Ziel erreichen will, muss immer eines tun: Er muss Kommunizieren! Und genau hier setzen wir an.“

Zur Person:

 

Prof. Dr. Raimund Drommel ist der Pionier der sprachwissenschaftlichen Kriminalistik, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Forensische Textanalyse in München, und überführt als Sprachprofiler seit über 30 Jahren Täter, die Unternehmen anonym angreifen, bedrohen oder Erpressen (www.forensische-textanalyse.de). Als einer der renommiertesten Experten weltweit berät er, als Sachverständiger für Sprachmuster und Autorenbestimmung, Gerichte und Sicherheitsbehörden, bis hin zur Generalbundesanwaltschaft. Er ermittelte im Fall Barschel und knackte den geheimen Code der RAF.

„Was jemand schreibt – und auch das, was er weglässt – verrät eine Menge über seine Persönlichkeit“
– 
Prof. Dr. Raimund Drommel, wissenschaftlicher Leiter am Institut für Forensische Textanalyse in München

 

 

Patrick Rottler hat Kommunikationswissenschaften studiert und ist Experte für Datenanalyse. Als Sprachprofiler am Institut für Forensische Textanalyse ist er für den Bereich Cybercrime verantwortlich. Aber auch gewöhnliche Morddrohungen landen auf seinem sprachwissensch

aftlichen Seziertisch.

„Der Tatort Internet beschäftigt uns rund um die Uhr!“
– Patrick Rottler, Sprachprofiler & Experte für Datenanalyse am Institut für Forensische Textanalyse in München

 

 

 

 

 

Leo Martin hat Kriminalwissenschaften studiert, war zehn Jahre für den deutschen Inlandsgeheimdienst im Einsatz und ist CEO des Institutes für forensische Textanalyse.

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Tatort Text – Wir überführen anonyme Täter
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Leo Martin im Gespräch mit Prof. Dr. Raimund Drommel und Patrick Rottler, beide Sprachprofiler am Institut für Forensische Textanalyse
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