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Rafati: „Wenn sich nichts ändert, erleben wir weitere Selbstmordversuche“

Rafati als Keynote-Speaker

Im Interview mit fussball.news spricht Rafati nun über seinen neuen Job, seinen Suizidversuch und übt Kritik am DFB.

fussball.news: Herr Rafati, wie geht es Ihnen?

Babak Rafati: Glücklicherweise geht es mir wieder gut und ich stehe wieder voll im Leben. Damals waren es Höllenqualen, die ich durchgestanden habe, jetzt kann ich sagen: Ende gut, alles gut.

fussball.news: Nach dem Suizidversuch 2011 beendeten Sie Ihre Karriere als Schiedsrichter. Was machen Sie aktuell beruflich?

Rafati: Ich bin aktuell als Keynote Speaker in der freien Wirtschaft tätig und arbeite mit zwanzig Agenturen zusammen. Ich halte Vorträge über die Themen Leistungsdruck, Stressmanagement und Burnout-Prävention. Meine Klienten sind da sehr unterschiedlich. Mal ist es ein Ärztekongress auf Mallorca, dann ein Treffen von Führungskräften in Zürich. Die Themen betreffen nicht nur den Sport, sondern ziehen sich durch die gesamte Berufswelt in unserer Gesellschaft. Auch in 100 Jahren werden Leistungsdruck, Mobbing und Burnout als Thema präsent sein.

fussball.news: Was hat eigentlich Ihre Leidenschaft für das Schiedsrichterwesen entfacht?

Rafati: Das Schiedsrichterwesen ist ja eine sehr spezielle Disziplin. Wie fast alle späteren Schiedsrichter habe ich zunächst selbst aktiv Fußball gespielt, merkte aber dann, dass ich für ganz oben nicht gut genug bin. Dann habe ich nach einem Bereich gesucht, wo ich es vielleicht doch bis ganz an die Spitze schaffen kann.

Mit 16 habe ich dann meinen ersten Schiedsrichter-Schein gemacht und durfte Jugendspiele pfeifen. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Danach hat meine Laufbahn als Referee eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Besonders gefallen hat mir während meiner Zeit als Schiedsrichter, dass ich Verantwortung übernehmen und im Sinne der Gerechtigkeit handeln konnte. Spannend war auch, dass ich es mit vielen verschiedenen Charakteren zu tu bekam. Es hat mir 23 Jahre unheimlich viel Spaß gemacht, die letzten zwei Jahre dann nicht mehr.

fussball.news: Was war das positivste Erlebnis Ihrer Laufbahn?

Rafati: Die Reaktion von Bastian Schweinsteiger nach meinem Selbstmordversuch hat mich sehr gefreut. Drei Tage später schrieb er mir eine Nachricht: ‚Ich wünsche Ihnen alles Gute. Im Leben fällt man oft, man muss nur einmal mehr wieder aufstehen. Es waren tolle Zeiten mit Ihnen.‘ Er wusste ja, dass ich nie mehr auf den Platz zurückkommen werde, deshalb war seine Aktion in der schwersten Phase meines Lebens überragend. Dabei sind wir auf dem Platz durchaus mal aneinandergeraten. Auch eine Aussage von Lukas Podolski, die ich gelesen habe, hat mich wirklich positiv gestimmt.Er hat gemeint, dass man mit mir auch mal im Kabinengang flachsen konnte.

fussball.news: Zu Ihrem damaligen Suizidversuch trieb Sie Ihre Arbeit als Schiedsrichter. Sie sprachen von brutalen Gesetzmäßigkeiten der unerbittlichen „Finanzmaschinerie mit all ihren Facetten“. Was meinen Sie damit?

Rafati: Gefühlt wurde ich schon tausendmal gefragt, was ich denn damit meine. Eigentlich will ich mit dem Kapitel abschließen. Die Gegenseite sagt ja auch nichts dazu, deshalb bringt es uns auch nicht weiter. Ich habe meinen Frieden gefunden, es geht um die Sache, nicht um die Person. Dass die Schiedsrichter sich jetzt endlich in den Medien geäußert und den Umgang der Schiedsrichterverantwortlichen bei DFB und DFL beklagt haben, zeigt wie brisant und gleichzeitig aktuell das Thema ist.

Ich weiß, wovon ich spreche, Ich habe fast im Grab gelegen. Grundsätzlich geht es um das Anforderungsprofil wie wir miteinander umgehen wollen. Wenn sich da nichts ändert, erleben wir weitere Selbstmordversuche. Es gilt die Devise: Wer wegschaut, macht mit. Man kann nur den Kopf schütteln, dass der DFB nicht auf mich zugekommen ist. Es wäre doch besser, wenn wir miteinander reden, als in der Öffentlichkeit übereinander. Vielleicht ändert sich ja nach der Wahl eines neuen Präsidenten etwas und die medialen Schlachten haben ein Ende.

fussball.news: Nach Ihrem glücklicherweise fehlgeschlagenen ersten Suizidversuch sprachen Sie davon, dass sie beim zweiten Versuch es geplant durchführen wollten. Wie konnten die Therapeuten eine Veränderung in Ihrem Kopf bewirken?

Rafati: Jemand, der soweit in diese Abwärtspirale hineingeraten ist, sieht nur diesen Ausweg. Ich wollte diesen schrecklichen Film beenden, in dem man so menschenverachtend mit mir umgegangen ist. Es wurden Schiedsrichterbeobachter und Journalisten auf mich angesetzt, um mich loszuwerden. Heute lache ich darüber und denke mir, wie bescheuert war ich eigentlich, dass ich mich umbringen wollte? Aber: Wenn das Hirn krank ist, denkt es nicht für das Hirn. Ich möchte auch noch einmal betonen: Letztlich waren an der Situation auch nicht meine Vorgesetzten aus den Verbänden schuld, sondern viel mehr ich selbst, weil ich es mit mir habe machen lassen.

Einen Tag nach meinem Suizidversuch wollte ich aus der Psychiatrischen Klinik einfach nur noch raus, da standen 500 Leute draußen und haben auf mich gewartet. Man hat mich dann auch entlassen, unter der Bedingung, dass ich mir bei der Polizei meinen Ausweis abhole. Dort angekommen wurde ich von vier völlig fremden Polizisten verhört und mit Fragen gelöchert, dabei habe ich noch nicht mal mitmeiner Frau darüber gesprochen.

Der Hammer war aber, als man mir auf dem Polizeipräsidium sagte: ‚Der Herr Zwanziger (Anm. d. Red.: damals DFB-Präsident) war hier. Der DFB bittet, dass Sie sich bei Ihnen melden.‘ Ich konnte es nicht fassen, dass ich mich beim Verband melden sollte und nicht umgekehrt. Die ganze Wut ist wieder in mir hochgekocht. Danach ging es zum Hotel, wo ich meine restlichen Sachen abholen sollte. Aufgrund des Vorfalls, wollte ich mich auf dem Weg dorthin auf einer großen Kreuzung aus dem fahrenden Auto werfen. Meine Schwiegermutter saß glücklicherweise neben mir und hat sich auf mich gestürzt.

fussball.news: Laut Ihrer Aussage hat seit November 2011 niemand vom DFB mit Ihnen gesprochen, auch nicht der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger. In einer Broschüre über Homosexualität im Fußball betont der Verband hingegen eine gesellschaftliche Fürsorgepflicht des Fußballs und wirbt für „Respekt und Anerkennung aller Menschen“. Fährt der Verband Ihrer Meinung nach eine Doppelmoral?

Rafati: Ich persönlich kenne zwar keine Fälle von Homosexualität bei Schiedsrichtern oder Spielern, habe aber über Dritte gehört, dass es sie geben soll. Der DFB ist in der Realität ganz weit weg von dem, was in der Öffentlichkeit und auf dem Papier kommuniziert wird. Man kann nicht sagen „Hand aufs Herz“ und die Hände bleiben in der Hosentasche. Da muss ich klar sagen, das ist scheinheilig.

Ideal wäre es, wenn diese Probleme unter dem neuen Präsidenten endlich angepackt würden, gerne auch intern. Ich apelliere an ihn, dass er dann endlich aufräumt! Als Wolfgang Niersbach zum fünften Todestag von Robert Enke interviewt wurde, hat er zugegeben, dass sich nichts verändert habe. Das spricht doch Bände. Herr Zwanziger war nach meinem Suizidversuch bei einer Pressekonferenz, hat die Badewanne, in der ich lag, gesehen, aber den Menschen Babak Rafati hat er gescheut. Dabei wäre das doch das Nötigste gewesen, mich zu besuchen.

fussball.news: Können Sie eigentlich heute unbeschwert ein Bad nehmen oder kommen dann die schlechten Erinnerungen zurück?

Rafati: Ja. Ich habe mittlerweile ohne negative Gefühle bei Dokumentationen und Interviews an der Badewannenkante gesessen. Bei Vorträgen kann ich über die Nacht im Hotel und über die Waffen, die ich gegen mich eingesetzt habe, sprechen. Ich hatte ja nur ein Trauma – und das war die aus meiner Sicht menschenverachtende Art, die zwei Personen im Verhalten gegenüber mir an den Tag gelegt haben. Mir persönlich muss keiner sagen: ‚Ich mag dich‘. Es wäre doch ein besserer Umgang gewesen, offen zu sagen, dass meine Leistung nicht mehr ausreicht, anstatt mich wegzumobben.

Jetzt, wo sich auch andere Schiedsrichter über den Umgang der Verantwortlichen mit ihnen beschwert und mir Recht gegeben haben, haben sich viele bei mir gemeldet und mich gefragt, ob dies jetzt eine Genugtuung für mich sei. Darum geht es aber gar nicht, ich brauche keine Genugtuung. Lassen Sie uns doch den Menschen helfen.

fussball.news: Herr Rafati, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft.

Weitere Informationen erhalten Sie hier: http://www.esa100.de/redner/babak

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