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Pläydoyer für den Profi

Urs Meier

Ob in Unternehmen, im Showgeschäft oder sogar in Nischenbereichen wie dem Spitzenbergsteigen – wer wirklich erfolgreich sein möchte und in seinem Metier dauerhaft an der Spitze mitmischen will, der muss sich voll und ganz auf seine Tätigkeit konzentrieren.

Der muss fokussiert sein, wie es heute meist heißt. Für mich macht genau das Professionalität aus. Zugleich ist es für mich eine der größten Ungereimtheiten im modernen Leistungssport, dass ausgerechnet im Profifußball keine Profischiedsrichter am Werk sind.

Warum ist das so? Ich vermute, weil es für viele Leute an einflussreichen Stellen ganz bequem ist, im Zweifel einen „Amateur“ parat zu haben, wenn es gilt, einen Sündenbock zu benennen. Klar, Schuld am „zerfahrenen Spiel“, „am Ergebnis“ oder an sonstigen Begleiterscheinungen eines Fußballspiels war dann im Zweifel der Schiedsrichter.

Natürlich kenne ich das Standardargument der Verbände, wenn es um Profischiedsrichter geht. Es lautet: Wären Profischiedsrichter tatsächlich besser als die Schiedsrichter, die wir heute haben? Die Frage kommt immer und sie erinnert mich an eine Diskussion, die in den Siebzigerjahren in der Schweiz geführt wurde. Damals wurde darüber gestritten, ob Profifußballer wirklich besser seien als Amateurfußballer. Die Antwort kennt inzwischen jeder. Profis sind nun einmal versierte Experten auf ihrem Fachgebiet, und logischerweise wären auch Profischiedsrichter besser. Sicher würden auch ihnen noch Fehler unterlaufen, aber ziemlich sicher weniger Fehler und vermutlich auch weniger schwerwiegende.

 

Professionalisierung auf allen Ebenen

Zur Professionalisierung, auf die wir im Falle der Fußball-Schiedsrichter vermutlich noch länger warten müssen, gehört auch die Professionalisierung des Umfelds, und immerhin da geht es ein wenig voran. Etwa mit der Einführung der Torkamera in der Bundesliga. Dieses technische Hilfsmittel habe ich seit jeher begrüßt, weil die Entscheidung Tor oder nicht Tor vom Schiedsrichter in manchen Fällen nicht eindeutig zu treffen ist. Mithilfe der Technik funktioniert es jedoch zweifelsfrei. Und vor allem: Es entlastet den Schiedsrichter erheblich, wenn er in diesem Fall die gleichen Informationen hat wie Millionen Zuschauer am Fernsehen, für die eine derartige Szene sofort in Superzeitlupe aufbereitet wird. Es kann ja nicht sein, dass das Publikum zweifelsfrei erkennt, ob der Ball im Tor war oder nicht – nur der Schiedsrichter, der darüber zu befinden hat, muss sich auf eine Vermutung oder ein Gefühl stützen.

Ich bin überzeugt davon, dass in Zukunft weitere technische Hilfsmittel eingesetzt werden, um die Qualität der Schiedsrichterentscheidungen zu verbessern. Denn so, wie aktuell mit offensichtlichen Fehlentscheidungen umgegangen und oft wochenlang diskutiert wird, schadet es vor allem den Schiedsrichtern. Fußball auf höchstem Niveau, das ist für mich längst nicht mehr nur Spitzensport, sondern auch ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Wenn 75.000 Zuschauer ins Stadion kommen und dafür bezahlen, dann wollen die etwas geboten bekommen. Sie wollen unterhalten werden. Ganz sicher jedoch wollen sie nicht nach Hause gehen mit einem komischen Gefühl, weil sie gar nicht genau wissen, was genau da kurz zuvor passiert ist. Doch genau das ist momentan der Fall: Diejenigen, die zu Hause vor dem Fernseher sitzen, wissen oft präziser was geschehen ist als diejenigen, die live vor Ort im Stadion sind. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein.

 

Souveräner Umgang mit technischen Hilfsmitteln

Dass dies möglich wäre, zeigt ein Blick auf andere, vergleichbare Sportarten. Beim Viertelfinale der Rugby-WM 2015 zwischen Frankreich und Neuseeland in Cardiff gab es eine unklare Touchdown-Situation. Schiedsrichter Nigel Owens reagierte daraufhin souverän. Er stellte unterbrach das Spiel und richtete an den Video-Schiedsrichter zwei Fragen. „Ich muss wissen, war das ein Pass nach vorn? Und war der Touchdown im Feld und damit korrekt?“ Das ganze Stadion hörte mit, denn die Kommunikation läuft, wenn der Schiedsrichter das will, über die Lautsprecher. Der Videoschiedsrichter suchte kurz die Bilder der Szenen und spielte sie auf dem Stadionmonitor ab. Erste Szene, der Pass. Der Videoschiedsrichter sagte: „Meiner Meinung nach wurde der Pass nicht nach vorn gespielt, war also korrekt“. Und der Schiedsrichter sagte: „Der Meinung bin ich auch.“ Zweite Szene, der Touchdown. Man sieht, wie der Ball im Feld den Boden berührt, die Sache ist also klar. „Touchdown im Feld“, sagte Schiedsrichter Owens, und alle wussten Bescheid und hatten es obendrein selbst gesehen. Das Spiel ging weiter. „Was für ein souveräner Umgang mit einer strittigen Situation“, dachte ich. Und die Frage, ob ein Videoschiedsrichter die Autorität des Schiedsrichters schwächt, war auch beantwortet: Nein, im Gegenteil. Seine Autorität steigt, denn er hat für alle nachvollziehbar eine richtige Entscheidung getroffen.

Man stelle sich vor, auch im Fußball gäbe es, wie im Rugby, einen Videoschiedsrichter. Denn an nahezu jedem Bundesligaspieltag gibt es Szenen, die der Schiedsrichter und die Assistenten nicht zweifelsfrei erkennen können – die aber auf den Fernsehbildern eindeutig sind. Stünden diese Bilder dem Schiedsrichter zur Verfügung, würde das die Fehlerquote senken, die oft ausufernden Diskussionen gar nicht erst aufkommen lassen und vor allem die Autorität des Schiedsrichters stärken. Um den Spielfluss zu erhalten und nicht bei jedem zweiten Pfiff die Videobilder zu bemühen, müsste man es eventuell so machen, dass jede Mannschaft pro Spiel zweimal die Gelegenheit nutzen darf, eine Spielszene noch einmal anzuschauen und anhand der Bilder bewerten zu lassen. Wie genau man das handhabt und regelt, müsste man klären. Grundsätzlich jedoch halte ich eine Videoüberprüfung bei strittigen Entscheidungen für sinnvoll. Sie würde den Schiedsrichter stärken.

Und es wäre ein weiterer Schritt in Richtung Professionalisierung. Was gut wäre, denn echte Profis auf ihren jeweiligen Fachgebieten kann es gar nicht genug geben.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Mein Leben auf Ballhöhe“ von Urs Meier, das im April 2016 im Delius Klasing Verglag erschienen ist. 

 

Zum Profil von Urs Meier: 

http://www.speakers-excellence.de/redner/urs-meier-entscheidung-treffen.html

 

 

 

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