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Marc Girardelli: „Ich bin ein Bewunderer von Hirscher“

Marc Girardelli in Action!

Marc Girardelli ist der einzige Skifahrer, der bisher fünf Mal den Gesamtweltcup gewonnen hat. Der Vorarlberger im Interview über Marcel Hirscher, die Krise im Nachwuchs und die Frage, ob er ÖSV-Präsident werden wird.

Marcel Hirscher ist auf dem Weg, Ihren Rekord – fünf Gesamtweltcupsiege – heuer einzustellen. Schmerzt das?

Marc Girardelli: Nein. Im Gegenteil: Ich bin ein großer Bewunderer von Marcel. Ich war es schon, bevor er gewonnen hat, weil ich gesehen habe, was für ein unglaubliches Talent er hat. Obwohl er zu Beginn seiner Karriere viel zu aggressiv gefahren ist. Da musste er sich seine Hörner erst abstoßen. Wenn ihm die Trainer damals die taktischen Sachen auch schon beigebracht hätten, hätte er wahrscheinlich schon sieben Weltcupgesamtsiege.

In dieser Saison musste er mit bisher zwei Podestplätzen im Super-G, davon ein Sieg, auch für das ÖSV-Speedteam die Kastanien aus dem Feuer holen. Hinter Hirscher gähnende Leere – woran liegt es, dass so wenig Junge bis an die Spitze nachdrängen?

Marc Girardelli: Ich glaube nicht, dass es am Training liegt, sondern eher an der inneren Einstellung. Es könnte sein, dass sich manche Rennläufer zu sehr auf die Kompetenz der Trainer verlassen und selbst zu wenig machen. Vielleicht sind sie sozusagen „überorganisiert“. Ich glaube, dass ihnen das Leben im Training über Monate zu leicht gemacht wird. So geht Eigenständigkeit verloren. Es könnte ein Grund sein, weil es das Einzige ist, worin sich ein Hirscher unterscheidet: dass er viel alleine macht. Ein Athlet wie er tickt einfach anders als der Rest.

Wie äußert sich das?

Marc Girardelli: Ich habe mit ihm einmal eine Woche vor dem Weltcupstart in Sölden gesprochen. Ich war überrascht, wie offen und zugänglich er war. Ein paar Wochen später in Alta Badia beim Riesentorlauf habe ich ihn nach dem Rennen wieder getroffen – er war ein anderer Mensch. So fokussiert und in einem Tunnel, dass er nicht einmal Jesus Christus bemerkt hätte, wenn er neben ihm gestanden wäre. Eine Zielstrebigkeit wie ich sie nur von Ingemar Stenmark kannte.

 

Zuletzt hat auch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel die Leistungen des Abfahrtsteams bekrittelt und als eine mögliche Ursache das Material genannt.

Marc Girardelli: Das kann’s wirklich nicht sein. Aus einem einfachen Grund: Seit Jahren ist ein gewisser Toni Giger, vormals Cheftrainer (heute ÖSV-Forschungsleiter, Anm.), nur damit beschäftigt, technologische Neuentwicklungen zu testen und als Erster zu verwenden. Entweder Toni Giger . . . wie soll ich das ausdrücken (überlegt lange) . . . entweder er ist eine Pflaume oder er macht es absichtlich falsch. Weil mit einem Stab von Wissenschaftlern über Jahre tagtäglich Material zu testen und Forschungen mit den modernsten Instrumentarien anzustellen und dann die Ausrede herauszukramen, vom Material her benachteiligt zu sein, also da kann man nur unfähig sein oder es absichtlich machen. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Sie nehmen die Fahrer in Schutz.

Marc Girardelli: Auf alle Fälle. Ich bin auch sicher, dass sie Topmaterial haben. Wieso sollten sie auch keines haben, wenn sie in den Jahren davor alles in Grund und Boden gefahren sind?

Was auffällt – und da waren Sie und Ihr Vater so etwas wie ein Role Model: Kleine, oft familiäre, hoch professionelle Teams sind erfolgreicher als große, träge Verbandsmannschaften. Man sieht das bei Hirscher, Tina Maze, dem Kostelic-Clan, Lindsey Vonn, auch Lara Gut und Anna Fenninger waren eher Einzelgängerinnen. Sind das erfolgversprechendere Strukturen?

Marc Girardelli: Das glaube ich nicht. Ich habe mich immer danach gesehnt, in einem größeren Team zu trainieren, weil die Motivation höher ist, wenn man sich mit jemandem messen kann.

Die Mannschaft als Maßstab?
Marc Girardelli: Ja, im Prinzip ist Skifahren zwar ein Einzelsport. Aber es braucht einen guten Mix aus Mannschafts- und Einzeltraining, um möglichst viele unterschiedliche Informationen zu bekommen. Der eine Trainer sieht dies, der andere das, der Vater wieder etwas anderes – aber keiner alles. Wenn da ein Läufer offen genug ist, holt er sich möglichst viele Informationen dort, wo er sie bekommt. Sei es aus dem eigenen Team oder beim Feind. Ich habe das jedenfalls so gemacht.

Wie konkret?

Marc Girardelli: Ich habe mich im Startbereich immer neben die Schweizer oder Österreicher gestellt – mit geschlossenen Augen, um mich zu konzentrieren, aber offenen Ohren, weil ich so deren Funksprüche mitgehört habe, um Informationen über die Temperaturverhältnisse entlang der Strecke zu bekommen. Ich hatte ja nur einen Mann an der Strecke. Der konnte vielleicht 300 Meter einsehen und messen, aber 500 Meter weiter oben und unten im Ziel hatte es schon ganz andere Verhältnisse. Diese Infos habe ich mir von den Österreichern oder Schweizern geholt – die haben das nie gemerkt.

Was halten Sie von den Versuchen, mehr Rennen in die Städte zu bringen?

Marc Girardelli: Städterennen sind sehr attraktiv, wenn man sie richtig macht. Es ist wichtig, die Sportler auch mit einem relativ einfachen Rennen nahe ans Publikum zu bringen. Ein Rennen in Paris wäre zum Beispiel ein Hit.

Könnten Sie sich vorstellen, ÖSV-Präsident zu werden?

Marc Girardelli: ÖSV-Präsident? Ich glaube, dann hätten die Rennläufer ein schweres Leben (lacht).

 

Weitere Informationen über Marc Girardelli erhalten Sie hier: http://www.speakers-excellence.de/redner/marc-girardelli-alpinen-ski.html

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