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Agile Führung braucht Komplexitätstoleranz

©fotolia: momius

Nutzen Sie Widersprüche als Chance

  • Der Projektauftrag ist unterzeichnet, alle Stakeholder sind auf das Projektziel eingestimmt. Dennoch machen Sie immer wieder die Erfahrung, dass die Vorstellungen darüber unterschiedlicher Natur sind und vor allem der Weg zum Projektziel auf verschiedene Weisen verfolgt wird. Im Verlauf ändern sich häufig auch noch die Projektbedingungen – Sie bewegen sich in dem für die Projektwelt so typischen Spannungsfeld verschiedener, teils widersprüchlicher Anforderungen.
  • Hier spielt die sog. Ambiguitäts- bzw. Komplexitätstoleranz eine wichtige Rolle. Diese beschreibt die Fähigkeit zum Bunt- statt lediglich zum Schwarz-Weiß-Denken. Wenn Sie als Projektleiter oder -mitarbeiter über diese Fähigkeit verfügen, sind Sie in der Lage, die Wirklichkeit anders wahrzunehmen. Widersprüchliche Auffassungen oder mehrdeutige Informationslagen, die schwer verständlich, oft sogar inakzeptabel erscheinen, bewerten Sie nicht von vornherein negativ oder vorbehaltlos positiv, sondern setzen sie vielmehr produktiv ein. Ein gewisses Maß an Unsicherheit halten Sie schlichtweg aus, bis die Dinge sich klären (auch sog. Unsicherheitstoleranz).
  • Die Folge davon: In unübersichtlichen und komplexen Situationen, z.B. in international und interkulturell geprägten Projekten, bleiben Sie handlungsfähig. In einem solch dynamischen Umfeld sowohl das Projektteam als auch den Projektverlauf flexibel und doch mit Klarheit zu steuern, meint agile Führung.

Ambiguität bedeutet Unsicherheit

Eine unübersichtliche (ambiguitive) Situation bezeichnen wir salopp als „zweischneidig“. Hier spiegelt sich unsere manchmal „typisch deutsche“ Herangehensweise wider, die Dinge möglichst schnell auf den Punkt zu bringen. „Entweder das eine oder das andere“, meinen wir. Beides? Ganz etwas Anderes? Kaum denkbar.

Dabei bedeutet eine ambiguitive Situation nur, dass sie gekennzeichnet ist durch Neuheit, Komplexität und zunächst Unlösbarkeit. Was uns paradox erscheinen mag: Wer hier Widersprüchlichkeiten und gegensätzliche Erwartungen aushalten kann und sie sogar bewusst in seine Überlegungen einbezieht, bleibt handlungsfähig! Mit Toleranz gegenüber Komplexität ist also gemeint, unsichere, mehrdeutige und vielschichtige Situationen auszuhalten, Widersprüchlichkeiten und potenzielle Rollenkonflikte zu ertragen und in unübersichtlichen Situationen gelassen zu bleiben.

In diesem Beitrag zeige ich, wie Sie diese Situationen als Chance erkennen, Komplexitätstoleranz aufbauen und aus dieser Haltung heraus Ihr Projektteam führen und den gesamten Projektverlauf steuern. Selbstorganisiertes, gleichberechtigtes Miteinander zu gestalten, dabei Verantwortung zu übernehmen, Fehler zu machen und daraus zu lernen sind als Merkmale agiler Führung erwünscht. Die Fehlertoleranz steigt zugunsten der Entdeckung neuartiger Lösungsentwürfe. Das ist ein neues Paradigma im Vergleich zur vorherrschenden, stark hierarchiegeprägten traditionellen Unternehmenskultur.

Künftige Herausforderungen meistern

Aktuelle Dynamiken der VUCA-Welt (siehe Kasten), wie Internationalisierung sowie demografischer und Werte-Wandel, tragen dazu bei, dass Führung künftig lateraler wird (siehe hierzu auch: „Wenn die Führungskraft am Regler schiebt: VOPA+„). Der Vorgesetzte ohne Führungsfunktion wird in der Zukunft deutlich häufiger auftreten als der Linienvorgesetzte. Wahrscheinlich wird der „laterale Manager“ in 15-20 Jahren die häufigste Form der Führungskraft darstellen. Der Projektleiter ist eine Führungskraft, die quer zur Linie und Hierarchie – ob flach oder stark ausgeprägt – einen eigenen Verantwortungsbereich innehat. Damit ist sie in besonderem Maße von allen Seiten von Interessen, Bedürfnissen und Erwartungen umgeben.

VUCA

Volatile: unberechenbar

Uncertain: ungewiss

Complex: komplex, unübersichtlich, vielschichtig

Ambiguous: ambivalent

Diversity Management braucht Komplexitätstoleranz

Projektleiter werden künftig vor allem die vorhandene Vielfalt (Diversity) im eigenen Unternehmen und in der Projekt- und Kundenbeziehung in einen guten Ausgleich bringen müssen. Vielfalt bezieht sich dabei auf Nation, Ethnie, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion und Weltanschauung, aber auch Arbeitsstil, Wahrnehmungsmuster oder Dialekt. Je höher die Vielfalt, desto größer sollte auch die Toleranz für Ambiguitäten sein. Wer dabei Widersprüche aushalten kann, gewinnt! Nur wie soll das konkret funktionieren?

Die Aufforderung ist nicht, Ihre für den Projekterfolg so wichtige Zielorientierung und Durchsetzungsstärke in Ihrem Führungsalltag ad acta zu legen. Vielmehr sollten Sie Ihre Zielstrebigkeit um die Fähigkeiten, Spannungen auszuhalten, um die Ecke zu denken und auch andere Wege zuzulassen, ausbauen und erweitern. Entscheidend ist das „aufeinander Zugehen“ der unterschiedlichen Stakeholder und die Erfahrungen und Erlebnisse, die dieses mit sich bringt.

Beispiel für Komplexitätstoleranz

„Im Führungsbereich des Unternehmens …wirken sich die [chinesischen, A.d.R.] Denkmuster so aus, dass die Führungsperson nie das Gefühl hat, sich in einem gesicherten Umfeld zu bewegen. Alles ist ständig in Fluss. Nichts kann vorausgesetzt werden. Dies verlangt von einer Führungskraft hohe Ambiguitätstoleranz, psychisches Ertragen-können von unklaren Situationen und Wartenkönnen im Entscheidungsprozess, bis sich eine Situation optimal für einen Entscheid darbietet. Entscheidfreudigkeit gepaart mit großer Geduld ist verlangt – etwas, auf das westliche Business Schools nicht vorbereiten. Ein Arbeiten in China bietet somit die große Chance, zwei Kulturmuster zu erleben und dabei sein eigenes mit eigenen Augen sehen zu lernen.“ Hans Jakob Roth, Schweizer Generalkonsul in Shanghai, im ceo-Magazin, Okt/ Dez 2004, S. 39.

Wie hoch ist Ihre Komplexitätstoleranz? 

Wie steht es um Ihre Komplexitätstoleranz?

Kreuzen Sie die richtige Antwort an.

JaNein
Sie denken: Unvorhergesehenes und Spontanes belebt das Geschäft.
Sie denken: Häufig kristallisiert sich etwas als anders heraus, als es anfangs zu sein scheint.
Sie wissen: Viele Probleme sind komplexer, als man zunächst denkt.
Sie wissen: In zwischenmenschlichen Konflikten erlebt man häufig, dass beide Seiten einen nachvollziehbaren Standpunkt einnehmen.
Sie mögen mehrdeutige Situationen und akzeptieren es, wenn Menschen unvorhersehbare Dinge tun.
Die strenge Einhaltung von Zeitplänen und klar durchstrukturierten Abläufen ist Ihnen nicht wichtig.
Auch wenn sie nicht wissen, was Sie erwartet, halten Sie das gut aus. Manchmal motiviert Sie das sogar und Sie entwickeln Neugier auf das Unbekannte.

Je mehr Fragen Sie mit „Ja“ beantwortet haben, desto größer ist Ihre Fähigkeit zum Bunt-Denken und damit zur Wahrnehmung und Bewältigung von kulturell bedingten Spannungen im Projekt. Kulturell umfasst hier nationale Ausprägungen, aber auch Unternehmenskulturen und unterschiedliche Arbeitsweisen von Abteilungen oder Einzelpersonen im Sinne des oben erläuterten Diversitäts-Ansatzes. Das bedeutet, dass Sie mit gewissen Unsicherheiten leben können. Nicht alles muss abschließend geklärt und geregelt sein.

Stehen Sie sich nicht selbst im Weg!

Die Verhaltensweisen im Kasten behindern Unsicherheits- bzw. Komplexitätstoleranz und können sich somit negativ auf das Projektergebnis auswirken.

 

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 Weitere Informationen zu Top100 Trainer Silke Weigang: http://www.trainers-excellence.de/redner/silke-weigang.html  

 

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