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Interview mit Sascha Lobo

Im Interview mit Sascha Lobo !

1. Herr Lobo, Sie sind wohl Deutschlands bekanntester und provokantester Blogger, einer ersten Namen die fallen, wenn man auf das Thema New Economy zu sprechen kommt. Laut eigener Angaben waren Sie bereits für ein Drittel der deutschen Dax-Unternehmen tätig. Wie schätzen Sie das Verhältnis heimischer Unternehmen zur digitalen Welt generell ein?

  • Mein Schwerpunkt ist ja die Digitalisierung – sowohl der Gesellschaft wie auch der Ökonomie. Dabei versuche ich, wiederkehrende Muster zu erkennen, damit man daraus Schlüsse für funktionierende Strategien ziehen kann. Im wirtschaftlichen Kontext gibt es leider ein sehr großes Hindernis für die digitale Transformation in diesem Land. Es mag das schönste Hindernis überhaupt sein – aber es bleibt problematisch. Denn es handelt sich um den großen, den unerhört großen Erfolg so vieler deutscher Unternehmen. Dadurch fehlt der Druck, ganz grundsätzlich und vor allem voraussetzungsarm über Veränderungen in der eigenen Branche nachzudenken. Deshalb sind die meisten Unternehmen der Digitalisierung gegenüber zwar offen – aber nicht bereit für Lösungen, die ihnen nicht in den Kram passen. Und das kann in einigen Branchen zur Gefahr werden. Und zwar buchstäblich über Nacht. Da kann schon eine Gesetzesänderung in China ausreichen, die eine Quote für Elektroautos vorschreibt.

 2. Glauben Sie eine Veränderung hin zu einer voll-digitalisierten Arbeitswelt wird sich mit dem kommenden Generationswechseln in den Führungsetagen von selbst vollziehen, sobald die „Digital Natives“ das Zepter in die Hand gelegt bekommen oder braucht es jetzt einen großen Kraftakt, um den Wandel durchzusetzen?

  • Bei der Digitalisierung geht wenig von allein, und ich glaube nicht daran, dass nur die richtigen Leute kommen müssen, damit sich alle Probleme von allein lösen. Damit will ich keinesfalls auf den Millennials oder „Digital Natives“ rumhacken. Im Gegenteil, da sehe ich Motivation und instrumentelle Kenntnis, die mich sehr positiv stimmt. Aber entscheidend sind die Strukturen, in denen die Sachkundigen arbeiten – übrigens auch Älterere, das Netz ist keine Alters- sondern eine Haltungsfrage. Und das heißt: Man wird jetzt sofort anfangen müssen, damit eine kommende Generation überhaupt in Erwägung zieht, in einem Unternehmen zu arbeiten. Warum sollte eine kluge, perfekt ausgebildete Automechatronikerin in einem Kutschunternehmen arbeiten wollen?

3. Wie Netz-tauglich schätzen Sie Deutschland im Vergleich zur internationalen Konkurrenz ein?

  • Hier ist sehr, sehr viele Jahre versäumt worden, Deutschland konkurrenzfähig zu machen. Politik und politiknahe Wirtschaft haben im Verein völlig verkannt und verkennen wollen, wie relevant zum Beispiel die digitale Infrastruktur ist. Deutschland hat beschämende Glasfaser-Quoten, was „Fiber to the home“ angeht, weit unter dem EU-Durchschnitt, ungefähr auf dem vorletzten Platz. Dazu kommt eine über Jahre digitalfeindliche Politik, die eher einer bestimmten Klientel zugeneigt war als der digitalen Konkurrenzfähigkeit des Landes. Dass die Bundesregierung erst gegen 2015 aufgewacht zu sein scheint, ist bitter. Aber vielleicht gibt es noch eine Chance, wenn man jetzt sofort Vollgas gibt.

4. Mit Ihrer auffälligen Haarpracht ist Ihnen ein wohl ein Selbstvermarktungs-Coup gelungen, kaum einem bleiben Sie nicht im Gedächtnis. Glauben Sie, dass darin, in Anzug und Irokesen, in Seriosität und kreativer Provokation, auch die Zukunft deutscher Unternehmen liegen könnte? 

  • Och, das schmeichelt mir natürlich. Aber als Vorbild sehe ich mich nur eingeschränkt, ehrlich gesagt. Was allerdings stimmt: Eine Kombination von funktionierendem Fundament und offensivem Experiment ist eines der Erfolgsrezepte für die digitale Wirtschaft. Ein Teil der Innovation funktioniert auf diese Art. Aber auch da bin ich weniger ein Vorbild, sonder mehr jemand, der schon lange bekannte Erkenntnisse an sich selbst umgesetzt hat.

5. Wie viel „Punk“ braucht, wie viel verträgt die deutsche Wirtschaft?

  • Von klassischem Punk habe ich nur zwei Elemente: die Frisur und die großspurig-naive, aber selbstmotivierende Haltung „Das kann ich doch auch!“ Eines der beiden Elemente könnte der deutschen Wirtschaft sicher helfen, aber ich verrate nicht, welches.

6. . Könnten Sie für einen Monat ein großes deutsches Unternehmen leiten, würden sie welche Veränderungen anstoßen? 

  • Ich würde umgehend die Leitung der sicher gut funktionierenden Umsatzmaschine an die Stellvertreterinnen übergeben und mich radikal um eine eigene Innovationsabteilung kümmern. Dorthinein kämen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ausreichend viel Begeisterung vorweisen können. Diese Abteilung würde null Verpflichtungen gegenüber dem Rest-Apparat des Unternehmens haben, eher im Gegenteil. Und dann gäbe es dort verschiedene Aufgaben, zum Beispiel Selbstkannibalisierung: Entwickeln Sie eine 99-Cent-App, die das Unternehmen ersetzen kann. Und: Wie sieht eine vernetzte Plattform, ein digitales Ökosystem aus, das in unserer Branche und angrenzenden Branchen zum Standard werden könnte. Und: Was könnten wir aus den Daten machen, die in unserem Unternehmen anfallen? Und und und.

7. Welche Risiken bringt eine solche Arbeitswelt mit sich? Die NSA- und Spionageskandale haben gezeigt, welchen Gefahren unsere Persönlichkeitsrechte ausgesetzt sind. Sehen Sie dasselbe Risiko für unsere wirtschaftliche Stabilität? 

  • Auf jeden Fall. Diese Risiken sind real, und sie liegen nicht in der Zukunft, sondern sind schon längst da. Gerade erst haben ein paar Hacker das elektronische Schließsystem eines Luxushotels gekapert. Mitten in der Nacht hatten sie sämtliche Türen des Hotels per Fernsteuerung verschlossen, sie waren nicht mehr zu öffnen. Dann erpressten Sie Lösegeld vom Hotelmanagement. Das ist ein kleines, aber eindrückliches Beispiel, dass oft dort Gefahren lauern, wo man sich nicht gleich vermutet – denn die digitale Sphäre ist sehr viel angreifbarer als die meisten Leute glauben.

8.  Auch Sie haben bestimmt einmal genug vom Bildschirmblau. Was machen Sie ganz analog, wenn Sie einmal wieder Kreativität tanken wollen? 

  • Ach, wenn mir das Bildschirmblau zuviel wird, schalte ich den Nachtmodus „Night Shift“ an und der Screen strahlt in warmem gelborange. Nein, nein, eigentlich bin ich oft fast offline, will sagen: Ich fahre mit meiner Frau nach Brandenburg in die Natur und beobachte Tiere. Die fotografieren wir digital und veröffentlichen das später auf einem Blog, aber die paar Stunden in der Natur sind wir offline. Schon, weil in Brandenburg der Handy-Empfang katastrophal ist.

 

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