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Deutschland im Wandel:

©fotolia:Xaver Klaussner

Was eine mögliche Jamaika-Koalition von erfolgreichen Change-Projekten lernen muss

Das Ergebnis der Wahl ist das Ergebnis des Versagens eines Change-Prozesses auf höchstem Niveau. Jeder der alltäglich mit Change-Projekten in Unternehmen befasst ist, wird mehr als einmal verzweifelt den Kopf geschüttelt haben. Schließlich erleben wir in unserem Land auf verschiedensten Ebenen drastische Veränderungen, seien es Migration, Energiewende, die Wirtschaft oder Außenpolitik. Die mögliche Jamaika-Koalition täte gut daran, nicht nur die Fehler der vergangenen Regierung zu vermeiden, sondern auch von erfolgreichen Change-Projekten in Unternehmen zu lernen.

1. Nichts geht ohne Vision 

Egal ob eine Veränderung freiwillig erfolgt oder von äußeren Umständen aufgezwungen wird, eigentlich wollen wir uns nicht verändern. Schließlich birgt jede Veränderung nicht nur Chancen, sondern vor allem auch die Möglichkeit des allgemeinen oder des persönlichen Scheiterns. Man könnte ja selbst abgehängt werden. Dieser Angst kann man nur mit einer noch stärkeren Vision entgegenwirken. Genau diese Aufgabe steht am Beginn eines jeden Change-Projekts. Wahlkampfsprüche, wie mehr Gerechtigkeit, mehr Wohlstand, sind so abgedroschen wie inhaltslos. Eine starke Vision muss greifbar sein und allen Beteiligten einen erstrebten Zustand so klar wie möglich beschreiben. Nur wenn sie positive Emotionen erzeugt, sind Menschen auch bereit, steinige Wege zu beschreiten. Genau diese Emotionen fehlten die letzten Jahre. Die Aufgabe der Jamaika-Koalition wird es sein, ein klares Bild zu zeichnen, wie unser Land, in dem wir leben werden, in vier Jahren aussehen soll und die Menschen dafür zu begeistern. Angela Merkel war nie eine Kanzlerin der Visionen und wird es auch nicht mehr werden. Bleibt zu hoffen, dass Grüne und FDP eine Vision unseres Landes formulieren können, die für eine Mehrheit der Gesellschaft erstrebenswert ist.

2. In vielen Einzelschritten zum gemeinsamen Ziel

Um eine Vision zu verwirklichen, müssen viele Unterziele erreicht werden. Genau hier kommt es immer wieder zu Hindernissen. Es muss vermittelt werden, wie diese Subziele dem großen Ganzen dienen, und wieso sich manche Entbehrungen lohnen. Bereits in Unternehmen begegnet man im Veränderungsprozess schnell den verschiedenen offenen und versteckten Zielkomponenten. Schließlich muss sich das Gesamtziel nicht unbedingt mit dem Abteilungsziel decken, geschweige denn mit dem persönlichen Identitätsziel. Genauso muss das, was gut für das Land ist, nicht unbedingt gut für einen selbst sein. Diese Widersprüche lassen sich nur bewältigen durch harte Überzeugungsarbeit im Kleinen und einem großen Maß an Verständnis für die individuellen Ängste. Denn genauso wie Emotionen beflügeln können, können sie auch ausbremsen. Hier haben sich die etablierten Parteien bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Einerseits wollten sie die Ängste der Bürger ernst nehmen und geißelten zugleich die AfD, die genau das tat.

Die Parteien der möglichen Jamaika-Koalition müssen sehr intensiv die Mitglieder ihrer Parteibasis einbinden und dafür sorgen, dass diese auf jeden einzelnen Bürger zu gehen. Auch hier kann die Politik von Unternehmen lernen: Veränderungsprozesse werden zwar oben angedacht, aber der Erfolg oder Misserfolg entscheidet sich bei den einzelnen Menschen an der Basis.

3. Auch unbequeme Wahrheiten müssen ausgesprochen werden 

Der Erfolg der AfD ist weder ein Ergebnis ihres Parteiprogramms, noch ihrer Vision für unser Land. Er liegt darin begründet, dass sie auch unbequeme Wahrheiten anspricht. Genau das haben die etablierten Parteien oft vermieden. In Unternehmen sieht man diesen Effekt oft: Ängste und berechtigte Sorgen der Mitarbeiter in einem Veränderungsprozess werden von Führungskräften beiseite gewischt bis sich der Frust in Streiks, Arbeitsverweigerung oder innerer Kündigung entlädt. Die Tonalität der AfD ist auf Provokation getrimmt und fischt bewusst am rechten Rand. Im Kern trifft sie aber die Sorgen vieler Menschen. Anstatt sich über jede Provokation der AfD aufzuregen, sollten die Parteien der Jamaika-Koalition lieber selbst unbequeme Wahrheiten offen und ehrlich ansprechen. Hierzu gehört auch, dass es bis dato kein Konzept für eine erfolgreiche Flüchtlingsintegration gibt und dass viele Bürger sich ausgegrenzt fühlen und nicht am Wohlstand teilhaben. Ehrliche Diskussionen schätzen Menschen mehr, sei es Bürger oder Mitarbeiter in einem Unternehmen, als ein Leugnen des Offensichtlichen.

4. Der gemeinsame Feind ist ein anderer als viele denken

Die neue Koalition hat die vielleicht größte Verantwortung in der Geschichte der BRD. Sie verfügt zugleich über eine starke Komponente, die zusammenschweißen kann, nämlich ein gemeinsames Feindbild. Und damit meine ich nicht die AfD! Das gemeinsame Feindbild ist das Scheitern des Change-Prozesses. Auch das lässt sich in vielen Unternehmen beobachten: wenn Veränderungen nur angestoßen und nicht erfolgreich durchgeführt werden, steht man vor einem Scherbenhaufen, der auf Jahre hinaus zu Resignation und Lähmung führen kann. Wenn sich schon kein Unternehmen ein Scheitern des einmal angestoßenen Change-Prozesses erlauben kann, kann dies eine Bundesregierung erst recht nicht. Bleibt zu hoffen, dass die Protagonisten der neuen Koalition sich dieser Verantwortung bewusst sind.

Über Kishor Sridhar:

Kishor Sridhar ist Managementberater, Bestseller-Autor und Experte für Change-Prozesse in Unternehmen und die Emotionalisierung von Vertriebsprozessen. Er hat Lehraufträge an der Hochschule Wismar und der International School of Management in München.

Zum Profil von Kishor Sridhar: https://www.trainers-excellence.de/redner/kishor-sridhar.html

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