Home / Allgemein / Tanja Frieden – Auch Niederlagen muss man zelebrieren

Tanja Frieden – Auch Niederlagen muss man zelebrieren

Auch Niederlagen muss man zelebrieren

Tanja Frieden, als Coach haben Sie nicht mehr wie im Sport ein Starthaus und eine Ziellinie – wie merken Sie, ob Sie Ihre Arbeit gut machen?

Ich bin – und das habe ich natürlich vom Sport – auch im Coaching sehr «zielpedantisch». Für mich ist das A und O, Ziele festzulegen. Ich nehme keinen Auftrag an, ohne dass sowohl ich als auch mein Klient klar wissen, was nach unserer Zusammenarbeit anders sein soll. Das muss nicht immer ein messbares Leistungs- oder Performanceziel sein, aber es muss ein klares Ziel festgelegt werden.

Sie haben also auch im Coaching ein gewisses Bedürfnis nach Messbarkeit?

Klar, ich würde meine Arbeit sonst auch nicht als professionell empfinden. Ich komme aus dem Leistungssport, und für mich muss die Arbeit Sinn machen und zweckdienlich sein.

Gerade im Sport sind ja zwei Dinge sehr wichtig: Durchhaltewillen und die Fähigkeit, Rückschläge wegzustecken. Kann man Menschen darauf vorbereiten?

Ja. Man spielt immer auch das Worst-Case-Szenario durch und die Möglichkeit, das gesteckte Ziel nicht zu erreichen.

Im Sport ist der Rückschlag aber oft sehr heftig – das haben Sie selbst erlebt. Wie geht man damit um?

Niederlagen sind im Sport «part of the game». Und wir Sportler sind im Grossen und Ganzen ziemlich wertungsfrei. Wir werden zwar bewertet, aber wir selbst vergleichen nur einen Tag mit dem anderen. An diesem oder jenem Tag bin ich dann eben vielleicht die Beste, an einem anderen nicht. Die Gesellschaft erlebt das ganz anders, sie erlebt den einen als guten, den anderen als schlechten Sportler. Aber unsere Leistung wird nur punktuell gemessen, und der Misserfolg gehört dazu. Im Sport ist das klar, in der Businesswelt viel weniger. Wer Niederlagen aber leichter verdaut, der hat die besten Karrierechancen – egal in welchem Bereich.

Und wie verdaut man eine Niederlage?

Wichtig ist, dass man bei einer Niederlage auch das zulässt, was ich gerne die «Säuliphase» nenne. Genauso, wie man einen Erfolg feiert, muss man auch die Niederlage «zelebrieren», wie ein Schweinchen, das sich im Dreck wälzt. Man muss auch den Tälern den nötigen Raum geben. Und dann duscht man den Dreck ab und macht einen Plan. Man setzt ein neues Ziel, denn das Ziel, das man vor der Niederlage hatte, ist oft nicht mehr zu erreichen. Man muss die neue Ausgangslage wahrnehmen, erkennen, was in dieser Situation erreichbar ist, den Fokus enger machen und in kleinen Teilschritten vorangehen.

Wie bringt man in so einer Situation seinen inneren Schweinehund dazu, aufzustehen und loszulaufen, noch einmal quasi von vorne zu beginnen? 

Den körperlichen Aspekt zu überwinden ist im Sport der einfache Teil. Das Mentale ist viel perfider. Das kann einen daran hindern, die letzten 10 Prozent zu geben. Man wird von 100 auf 0 gebremst, und es schauen auch noch alle dabei zu. Dazu kommen der Erwartungsdruck und die eigenen Träume. Aber auch hier geht es wieder darum, es zu verdauen, zu verstehen, was passiert ist. Man muss auch den Emotionen Raum geben, der Trauer und der Wut. Und ja, der Schweinehund ist heftig. Aber dann geht es eben wieder um die Zielanalyse. Warum will ich wieder aufstehen, was treibt mich an? Und: Gelten meine Ziele überhaupt noch? Wenn mein Ziel immer noch das gleiche ist, dann gehe ich wieder los, denn dann weiss ich, warum und wofür ich es mache. Auch wenn die ganze Mühe, das Leiden, der Drill von aussen gesehen oft irrational erscheinen.

«Ich habe gelernt, diszipliniert zu sein und auf meinen Körper zu hören.»

Frieden

Es ist also auch legitim, nach einem Rückschlag zu sagen: Ich will das alles nicht mehr?

Natürlich, ich habe solche Situationen schon mit Sportlern, aber auch mit Businessleuten erlebt. Der Weg muss für den Menschen stimmen, egal, in welche Richtung er führt.

Was war Ihr schwerster Rückschlag?

Ich muss vielleicht zuerst erklären, wie ich mich selbst sehe. Ich wollte immer ein intensives Leben, und ich trage eine ganze Farbenpalette voller Erfahrungen mit mir herum. Der Olympiasieg setzt sich aus verschiedenen Farben zusammen – mit einem goldigen Ende. Bei mir gibt es extreme Höhen, aber auch extreme Tiefen. Und was mich im Leben wirklich geknickt hat, hatte oft nichts mit meinen sportlichen Leistungszielen zu tun. Etwas vom Härtesten war bestimmt der Verlust meiner Eltern. Dort wieder herauszukommen, in einer Situation, in der auch andere Dinge nicht liefen, war heftig. Und dann gibt es viele gesundheitliche Dinge, die mich jahrelang begleitet haben. Aber da sind wir wieder an dem Punkt, an dem man seine Ziele anpassen muss. Ich kann entweder dem früheren, nicht mehr existenten Zustand hinterhertrauern, oder ich kann etwas aus der neuen Situation machen. Solche Herausforderungen können einen auch anspornen. Ich habe gelernt, diszipliniert zu sein und auf meinen Körper zu hören. Es passiert nichts umsonst, aus jeder Situation kann man wieder etwas lernen.

Eine Niederlage hat also auch ihre guten Seiten?

Als Sportler muss ich die Fähigkeit haben, mich zu fragen, was ich aus einem Rückschlag lernen kann. Das gilt aber auch für viele andere Berufe und lässt sich eins zu eins in die Businesswelt übertragen. Gerade bei Niederlagen hat man es dort oft leichter als ein Sportler, der nach einer Niederlage am nächsten Tag wieder im Starthaus steht und 100 Prozent geben muss. Da muss die ganze Verarbeitung innerhalb von 24 Stunden stattfinden.

Sie ziehen viele Vergleiche zwischen der Sport- und der Businesswelt – sind die beiden sich so ähnlich?

Athleten und Führungsleute haben ähnliche Parameter. Sie müssen fähig sein zu reflektieren, sie müssen sich selbst wahrnehmen können, sonst können sie nicht so zielgerichtet vorgehen, wie es ihr Beruf verlangt. Aber solche Strategien können auch für ganz andere Berufe nützlich sein, oder im Privaten. Jeder kann in seinem Alltag eine Medaille gewinnen oder verlieren.

Zu Tanja Frieden

2006 holte sie in Turin olympisches Gold im Snowboardcross. Heute berät Tanja Frieden, 39, als Coach für Bewegung im Kopf und Körper Sportler, Manager und Teams in ihrer Entwicklung. Zu ihren Kunden gehören Axa, Zurich und Leonteq. 2016 wird sie erstmals Mutter.

Weitere Informationen zur „Überwindung von Niederlagen“ und Tanja Frieden finden Sie hier: http://www.trainers-excellence.de/redner/tanja-frieden.html

Quelle: [Women in Business- Dezember 2015, Januar 2016]

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *